Onkologie

Lungenkrebs muss kein Todesurteil sein

Jüngste Entwicklungen in der Lungenkrebsvorsorge haben das Thema Prävention neu in den Fokus gerückt. Dr. Sebastian Schmidt, Head of Strategy, Innovation and Medical Affairs, Siemens Healthineers, gibt weitere Einblicke. 

3min
Kathrin Palder
Veröffentlicht am December 13, 2022

Sebastian Schmidt

<p>Zunächst einmal ist diese Entscheidung sehr begrüßenswert. Denn Lungenkrebs ist die tödlichste Krebserkrankung weltweit. Alleine in den 27 Ländern der Europäischen Union sind insgesamt 240,000 Todesfälle pro Jahr auf Lungenkrebs zurückzuführen<sup>1</sup>. Das entspricht 650 Todesfällen pro Tag, oder, drastisch dargestellt, zwei Flugzeugabstürzen. Daher ist es sehr wichtig, dass die Politik handelt. Mit der EU-Empfehlung ist ein weiterer wichtiger Meilenstein geschafft und wir hoffen natürlich, dass weitere Länder rasch dem Beispiel Polens und Kroatiens folgen, die bereits lokale Programme gestartet haben.</p>
<p>In der Tat liegt die durchschnittliche Fünf-Jahres-Überlebensrate für Lungenkrebs weltweit bei nur 20 Prozent<sup>2</sup>. Da die Lunge nicht über Schmerzrezeptoren verfügt, bleibt Lungenkrebs meist lange symptomfrei. Wenn Betroffene über Beschwerden wie Luftnot oder Bluthusten klagen, ist die Krankheit meist schon weit fortgeschritten, in Stadium III und IV, und eine kurative Therapie praktisch nicht mehr möglich. Die Fünf-Jahres-Überlebensrate sinkt auf rund fünf Prozent im Stadium IV<sup>3</sup>. Das heißt, nach fünf Jahren ist nur noch jede*r zwanzigste Betroffene am Leben.</p>
<p>Die gute Nachricht vorab, und die Zahlen liefern uns wichtige Belege hierfür: Lungenkrebs muss kein Todesurteil sein, denn je früher die Krankheit diagnostiziert wird, desto besser die Prognose. Im Hinblick auf das bereits etablierte Screening in den USA und regionale Programme in England liegen verlässliche Daten vor, die untermauern, dass Screening hilft, Lungenkrebs bei aktiven und ehemaligen starken Raucher*innen früher zu erkennen, wenn er noch kurativ behandelbar ist und somit die Lungenkrebs-Sterblichkeit zu senken.&nbsp;<br><br>So konnten in den USA, wo ein Nationales Screening-Programm bereits vor acht Jahren ausgerollt wurde, von 2014 bis 2018 schätzungsweise mehr als 10,000 vorzeitige Lungenkrebs-Todesfälle verhindert werden<sup>4</sup>. Ein Blick in das US Cancer Registry zeigt einen sogenannten Stage Shift. Das heißt, es gibt mehr Diagnosen in Stadium I und II und langfristig weniger Diagnosen in Stadium III und IV. In England, wo seit 2018 auf regionaler Ebene gescreent wird, gibt es ähnliche Erfolge zu verzeichnen: Fast drei Viertel der Patient*innen konnten bereits in Stadium I oder II diagnostiziert werden.</p>
Raucherentwöhnung (auch “Primärprävention” genannt) und Screening müssen immer Hand in Hand gehen. Wie Studien aus England bereits zeigen, funktioniert beides zusammen sehr gut: So ist die Erfolgsquote bei der Rauchentwöhnung mit Screening ungefähr doppelt so hoch wie ohne. Natürlich muss das Ziel sein, dass so wenige Menschen wie möglich rauchen. Aber ergänzend dazu braucht man das Screening, denn dieses wirkt sozusagen sofort, da die Lungentumoren im frühen Stadium erkannt und die Patient*innen kurativ operiert werden können. Die Raucherentwöhnung wirkt dagegen langfristig. Denn selbst wenn junge Raucher*innen von heute auf morgen aufhören würden, so würde sich dies erst in 30 bis 40 Jahren positiv auf die Lungenkrebsstatistik auswirken. Langfristig könnte das Screening sogar ein Mittel zur Kostensenkung sein – weil man Patient*innen im frühen Stadium vergleichsweise günstig minimal-invasiv operieren kann, statt sie in einem späteren Stadium und mit geringen Erfolgsaussichten mit teuren Medikamenten zu behandeln.
<p>Zum einen durch die stetige Weiterentwicklung im Bereich der Computertomographie, der bevorzugt eingesetzten Bildgebung zur Diagnose von Lungenkrebs, hin zu noch besserer Bildqualität bei möglichst niedriger Dosis. Vor einem Jahr haben wir den ersten quantenzählenden CT-Scanner NAEOTOM Alpha<sup>5</sup> vorgestellt, welcher drastische Verbesserungen möglich macht – unter anderem eine höhere Auflösung und eine um bis zu 45 Prozent niedrigere Strahlendosis bei ultra-hochauflösenden (UHR) Scans. Zum anderen gilt es, die Möglichkeiten, die Künstliche Intelligenz bietet, weiter auszuschöpfen.</p>
KI spielt in der Befundung als Zweitmeinung eine wichtige Rolle, umso mehr, als dass die Anzahl der Untersuchungen stetig steigt – ein Trend, den ein Screening natürlich noch verstärken wird. Gleichzeitig fehlen bei höherer Arbeitsbelastung weltweit Radiolog*innen und radiologische Fachkräfte. Bei weniger Befundzeit steigt leider auch die Fehleranfälligkeit. Hier kann KI dabei helfen, exaktere und schnellere Ergebnisse zu erzielen.
AI Rad Companion Chest for Lung Cancer
<p>Siemens Healthineers hat den Algorithmus „AI-Rad Companion Chest CT<sup>6</sup>” entwickelt. Dieser hilft Radiolog*innen dabei, Bilder zu interpretieren und bestimmten Bereichen besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Neben der konkreten Unterstützung bei der Befundung kann KI in Kombination mit medizinischer Bildgebung aber noch mehr: So können Bildfehler, wie sie etwa durch die Atmung der Patient*innen während der CT-Untersuchung entstehen, mithilfe Künstlicher Intelligenz reduziert werden: Eine spezielle Sequenz von Siemens Healthineers berechnet die Bewegungen von Patient*innen und löst die Aufnahme des Computertomographen genau dann aus, wenn optimale Bedingungen für die bestmögliche Bildqualität vorherrschen.</p>
<p>Zum einen gibt es natürlich die Angst vor Strahlung, denn es werden ja prinzipiell gesunde Menschen geplant einmal pro Jahr mit CT-Technologie gescannt. Bei Low-Dose Computertomographie bewegen wir uns aber bei der Dosis im Rahmen von konventionellen Röntgenaufnahmen, wie sie etwa nach einem Knochenbruch angefertigt werden. Nehmen wir das Beispiel Deutschland: Schon jetzt steht fest, dass es in Deutschland beim Lungenkrebs-Screening eine Obergrenze von 1,3 Milligray (CTDI) pro Untersuchung geben wird – das ist weniger als die natürliche jährliche Strahlenexposition in Deutschland.&nbsp;<br><br>Natürlich ist es auch wichtig, die Zahl der falsch-positiven Befunde so niedrig wie möglich zu halten, damit die Menschen Vertrauen in ein Screening haben können. Die Zahlen aus England sind in dieser Hinsicht ermutigend: So zeigte die Analyse der ersten 10.000 Screening-Teilnehmer*innen, dass 98 Prozent eine korrekte positive Lungenkrebs-Diagnose hatten, nur 2 Prozent waren falsch-positiv<sup>7</sup>. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, das Thema Lungenkrebs ins Bewusstsein der Menschen zu rücken und Verständnis dafür zu schaffen, warum eine frühe Diagnose so entscheidend ist: Früh erkannt ist er in Stadium I und II kurativ – also auf Heilung ausgerichtet – mit minimal-invasiver Chirurgie behandelbar. Wie eingangs erwähnt: Lungenkrebs muss kein Todesurteil sein.</p>

Von Kathrin Palder

Kathrin Palder ist Redakteurin bei Siemens Healthineers.