Point-of-care-Diagnostik

Urinanalysen im Wandel der Zeit

Lerne mehr über die Geschichte der Urinanalyse und welche Rolle sie in der heutigen Diagnostik hat.

6min
Doreen Pfeiffer
Veröffentlicht am July 17, 2023

Eukrasie, aus dem Griechischen für gute Mischung, beschreibt das zentrale Prinzip der antiken Krankheitslehre, in deren Zentrum verschiedene Körpersäfte standen. Bis weit in das 18. Jahrhundert zählte auch die Harnschau als bewährtes Diagnoseverfahren und legte den Grundbaustein für die heutige Labordiagnostik.

Blut, Schleim sowie gelbe und schwarze Galle bildeten das Gerüst der Säftelehre nach Hippokrates von Kos, der wie viele Vertreter seiner Zeit glaubte, Krankheiten seien das Ergebnis einer fehlerhaften Mischung der Körpersäfte.
Die Idee Rückschlüsse auf Vorgänge im inneren des Körpers zu schließen, indem man die Flüssigkeiten auswertet, die der Mensch ausscheidet, ist nicht neu. Überlieferungen auf Steintafeln zeigen, dass Menschen auf der Suche nach dem Ursprung von Krankheiten bereits vor tausenden von Jahren in Mesopotamien und im Alten Ägypten das Abfallprodukt aus den Nieren auswerteten. Dabei untersuchten Harnschauer den Urin vor allem auf Farbe, Trübungen, Geschmack oder Geruch.
Zur Diagnose des Urins wurden aufwendige Spektren herangezogen. Beim ersten Hahnenschrei wurde der hochkonzentrierte Morgenurin zunächst in einer Art Körbchen oder Köcher, der sogenannten Matula gesammelt, ehe er von einem Harnschauer entgegengenommen wurde. Der wertete die Harnprobe unmittelbar aus und unterschied zur Diagnose Konsistenzen, Beimengungen, Geschmack, Geruch und mehr als 20 unterschiedliche Harnfarben.

Wer einmal größere Mengen Spargel oder Knoblauch gegessen hat, kennt es: Der Geruch des Urins verändert sich beim Verzehr mancher Speisen und lässt dadurch Rückschlüsse auf die Ernährung zu. Und auch die Farbe ist beeinflussbar, etwa durch den Verzehr von Beeren. 

Medizinische Schriften des Mittelalters, beispielsweise aus dem Arzneibuch Ortolfs von Baierland um 1300 n.Chr., gaben ausführliche Anleitungen und Schemata zur Auswertung. Neben der eigentlichen Harnflüssigkeit wurde zudem ein sich an der Oberfläche abgelagerter Ring untersucht. So stand eine grünliche Ablagerung dafür, dass der Patient den Verstand verliere, und rote, dicke Ablagerungen deuteten auf Krankheiten an der Stirn, die durch überschüssiges Blut ausgelöst wurden.1

Was für heutige Verhältnisse kurios klingt, entwickelte sich über die Jahrhunderte zu immer präziserer Diagnostik. So fand die Erkenntnis, dass ein süßlich schmeckender Urin auf Diabetes mellitus hindeutet, (da Zucker, der nicht verstoffwechselt werden kann, über den Urin ausgeschieden wird), erstmals im 17. Jahrhundert breite Akzeptanz in der medizinischen Fachwelt.

Farbe, Geruch und Aussehen des Urins haben heute nicht mehr dieselbe klinische Rolle wie in der Vergangenheit. Dennoch werden Auffälligkeiten nach wie vor dokumentiert und können erste Hinweise liefern - etwa sichtbare fäkale Verunreinigungen, die auf eine Magen-Darm-Fistel hindeuten, oder ein stechender Geruch, der eher bei Harnwegsinfektion auftritt.2

Die Praxis der Urinanalyse begann bereits 6000 v. Chr. und hat sich bis heute weiterentwickelt. Schnellteststreifen und komplexe Labortests bieten Ärzten heute Einblicke in bestimmte Bestandteile des Urins wie Blut, Zucker, Eiweiß, Nitrite, Bakterien und andere Krankheitserreger. Automatisierter Arbeitsabläufe und hochwertige Teststreifen liefern heute zuverlässige Ergebnisse, da sie Verfälschungen, wie sie beispielsweise die subjektive visuelle Bewertung durch den Anwender eher ausschließen. 

Die Ergebnisse helfen bei der Diagnostik von Diabetes oder Harnwegsinfektionen oder liefern frühe Hinweise für Nierenerkrankung, z. B. einer Nephritis, was die Behandlungsmöglichkeiten verbessert. Je weiter das Verständnis über die organischen Zusammenhänge im Körper voranschreitet, desto mehr Möglichkeiten könnten sich in Zukunft mit dieser Diagnosemethode erschließen.

Teaser image for page, showing the "Manneken Pis" statue in Brussles

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Unsere Doku-Serie auf YouTube nimmt Sie mit auf eine Reise von den Anfängen, über die Erfindung der modernen Urinanalyse in den 1950er Jahren bis hin zu einem Ausblick auf die Zukunft.


Von Doreen Pfeiffer
Doreen Pfeiffer ist Redakteurin bei Siemens Healthineers.