Onkologie

Mehr als reine Krebsbehandlung: Warum auch Herzgesundheit Teil des Plans sein muss

Im Hospital Universitario La Paz in Madrid überwachen kardiologische und onkologische Fachkräfte gemeinsam eine der schwerwiegendsten Nebenwirkungen einer Krebstherapie: Kardiotoxizität. Ihre Erfahrungen zeigen, dass eine KI-gestützte, reproduzierbare Ultraschallbildgebung und strukturierte Zusammenarbeit unerlässlich ist, um die Herzgesundheit der Patient*innen zu schützen, ohne die Behandlung zu beeinträchtigen.
Sophie Gräf
Veröffentlicht am 8. Mai 2026
Bei der Krebsbehandlung gilt es nicht nur den Krebs zu behandeln, sondern auch, die Herzgesundheit zu schützen. Für die Brustkrebspatientin Kathy S. Compton wurde dies während ihrer Behandlung Realität. Am Hospital Universitario La Paz in Madrid arbeiten Kardiolog*innen und Onkolog*innen in einem speziellen Kardio-Onkologie-Team zusammen, um Kardiotoxizität während der gesamten Therapie zu überwachen und zu kontrollieren. Comptons Herzgesundheit wurde nicht als Nebensache behandelt, sondern war von Anfang an Teil des Plans.
 

Bei der Brustkrebsbehandlung rückt das Herz ganz besonders in den Mittelpunkt. Insbesondere bei Tumoren in der linken Brust erfolgt die Strahlentherapie in Herznähe, was mit der Zeit das umliegende Herzgewebe in Mitleidenschaft ziehen kann. Darüber hinaus können sich bestimmte systemische Therapien, darunter Anthrazykline und zielgerichtete Therapien, direkt auf die Herzmuskelzellen auswirken oder die normale Herzfunktion beeinträchtigen. Diese Auswirkungen können sich im Laufe der Behandlung kumulieren. Deswegen ist die Herzgesundheit von Anfang an ein wichtiger Faktor.

„Herzbildgebung ist in der Kardio-Onkologie von zentraler Bedeutung“, sagt Dr. Teresa Lopez-Fernandez, Leiterin der Kardio-Onkologie am Hospital Universitario La Paz in Madrid. Bestimmte Chemotherapien und zielgerichtete Therapien bergen bekanntermaßen das Risiko einer Kardiotoxizität. Sie können die Herzmuskelzellen schwächen oder die normale Kontraktion beeinträchtigen, was allmählich die Pumpleistung des Herzens verringert. Diese Kardiotoxizität beginnt oft schleichend. Die Patient*innen fühlen sich völlig wohl, während im Hintergrund bereits erste Veränderungen des Herzmuskels auftreten. Oft sind diese subtilen Veränderungen mit herkömmlichen echokardiografischen Messungen wie Ejektionsfraktion nicht nachweisbar, denn diese nimmt in der Regel erst dann ab, wenn sich bereits eine stärkere Beeinträchtigung entwickelt hat.

Um frühere Anzeichen einer Belastung zu erkennen, stützt sich das Team in La Paz auf die Dehnungsanalyse, insbesondere globale longitudinale Längsdehnung (GLS). Bei einer Standard-Ultraschalluntersuchung des Herzens misst die Dehnungsbildgebung die Verformung des Herzmuskels, also wie er sich bei jedem Schlag verkürzt und entspannt. So lassen sich subtile funktionelle Veränderungen aufdecken, noch bevor überhaupt Symptome auftreten, in einem Stadium, in dem vorbeugende Maßnahmen noch möglich sind. Früherkennung nützt jedoch nur dann, wenn die Daten auch zuverlässig sind.

In der Kardio-Onkologie kommt es auf kleine Veränderungen an. „Bei der Überwachung von Patient*innen, die kardiotoxische Therapien erhalten, gibt es zwei große Herausforderungen“, erklärt Lopez-Fernandez. „Wir müssen das EKG zeitnah terminieren, um Verzögerungen bei der Behandlung möglichst zu vermeiden, aber es muss auch sehr reproduzierbar sein.“ Veränderungen der GLS sind ein Frühwarnsignal für eine mögliche Belastung des Herzens. Bei einem solchen Befund wird sofort eine engmaschigere Überwachung eingeleitet und die kardiologischen und onkologischen Teams beraten gemeinsam über mögliche kardioprotektive Strategien, während die Krebsbehandlung fortgesetzt wird.

Weitere Veränderungen der Herzfunktion – insbesondere ein signifikanter Rückgang der linksventrikulären Ejektionsfraktion (LVEF) – dienen ebenfalls als Entscheidungsgrundlage für weitere Maßnahmen. „Wenn uns diese Zahlen vorliegen, können wir angemessene klinische Entscheidungen treffen“, sagt Dr. Oliver Higuera Gómez, Onkologe am Hospital Universitario La Paz in Madrid. Anhand dieser Herzparameter können Kardio-Onkologie-Teams Risiken einschätzen und bei Bedarf kardioprotektive Maßnahmen ergreifen oder Herzprobleme behandeln, sodass die Krebsbehandlung parallel weitergehen kann. Hier ist Reproduzierbarkeit ganz entscheidend.

Wenn verschiedene Untersuchungen bei ein und derselben Person signifikant unterschiedliche Dehnungswerte ergeben, kommt Unsicherheit in den Entscheidungsprozess. Eine potenziell lebensrettende Therapie könnte abgesetzt werden – nicht, weil sich das Herz wirklich verschlechtert hat, sondern aufgrund von Messschwankungen.

Das Team in La Paz begegnet dieser Herausforderung mit standardisierten Messungen durch KI-gestützte Dehnungsanalyse mit automatischer Ansichtserkennung und Konturplatzierung. Das vermindert die Variabilität zwischen den Bedienenden und ermöglicht eine konsistente Nachsorge, selbst bei technisch anspruchsvollen Untersuchungen. „Für die sichere Befundung sind KI-Tools wirklich sehr hilfreich“, sagt Lopez-Fernandez.

Für Brustkrebspatientinnen wie Compton ist diese Zuverlässigkeit eine große Beruhigung. Veränderungen können so frühzeitig erkannt und rechtzeitig behandelt werden – das Herz wird geschützt, ohne die Krebsbehandlung unnötig zu unterbrechen. So wird eine unnötige Unterbrechung der Chemotherapie vermieden und ein echtes Herzrisiko frühzeitig erkannt. „Ich ging in die Behandlung, ohne wirklich zu wissen, was das bedeutet. Aber das Kardiologie-Team hier ist großartig und sie beide, der Onkologe und die Kardiologin, haben mich durch den Prozess begleitet und wirklich zusammengearbeitet, damit ich wieder gesund werden konnte“, sagt Compton.

Für das Team ist diese durchgängige Zusammenarbeit zwischen Kardio-Onkologie und Onkologie eine echte Erfolgsgeschichte: „Die Vorbeugung von Kardiotoxizität beginnt noch vor der Krebsbehandlung“, sagt Lopez-Fernandez. Wenn die Herzüberwachung in den therapeutischen Zeitplan integriert wird, sind seltener abrupte Entscheidungen notwendig. Die Ärzt*innen können kardiologische Befunde im Kontext abwägen – unterstützt durch konsistente, reproduzierbare Daten.


Sophie Gräf
Sophie Gräf
Von Sophie Gräf
Sophie Gräf ist Online-Redakteurin und Content Creator für Multimedia-Inhalte bei Siemens Healthineers.