Kardiologie

Frauenherzen warnen leise

Am Anfang war nur ein Gefühl. Kein stechender Schmerz, kein dramatischer Kollaps. Nur dieses diffuse, schwer fassbare „Irgendwas stimmt nicht“. Mira merkte es zuerst bei den langen Spaziergängen. „Ich musste mich immer irgendwo hinsetzen … Ich konnte das nicht so richtig beurteilen“, erzählt sie rückblickend. Ihr Mann fragte sie, was los sei, aber Mira zuckte nur mit den Schultern. „Komisches Gefühl“, sagte sie und ging weiter, mit dem Gefühl, dass „etwas nicht stimmt“.
Christine Rösch
Veröffentlicht am 13. Februar 2026
Genau hier beginnt, was medizinische Fachgesellschaften weltweit seit Jahren beschäftigt. Denn Frauen wie Mira – mitten im Leben, aktiv, leistungsfähig – zeigen bei einer koronaren Herzerkrankung oft keine klassischen Brustschmerzen, sondern Beschwerden, die man viel zu leicht anderen Dingen zuschreibt: Zum Beispiel Unruhe, Übelkeit, Schwindel, Bauchschmerzen, Kieferschmerzen.

Die interventionelle Kardiologin Prof. Dr. Irene Lang fasst diese atypischen Symptome zusammen: „Die koronare Herzkrankheit bei Frauen ist eine ganz spezielle Erkrankung, die nicht nach dem Schema der Lehrbücher abläuft.“

Prof.in Dr.in Irene Lang

Was Mira nicht wusste, ist in den Daten erschreckend deutlich: Das allgemeine Risikobewusstsein sinkt. Die American Heart Association befragte Frauen bereits 2009 – damals wussten 65 Prozent, dass Herzkrankheiten die häufigste Todesursache sind. Zehn Jahre später waren es nur noch 44 Prozent [1]. Dieser Verlust an Wissen ist besonders ausgeprägt bei jüngeren Frauen. 

Diese Wissenslücke fällt zusammen mit einer zweiten Gefahr: Frauen zeigen häufiger atypische Symptome. In einer bekannten großen Analyse von über 1,1 Millionen Herzinfarkten hatten 42 Prozent der Frauen keine Brustschmerzen, aber trotzdem einen Myokardinfarkt. Bei Männern waren es 31 Prozent  [4]. Eine systematische Übersicht bestätigt: Auch in Studien mit direkter Befragung berichten etwa ein Drittel der Frauen von keiner Brustschmerzsymptomatik [5].


Viel später, nach dem Schwächegefühl beim Spaziergang und einer Atemnot über zwei Monate hinweg, riss sie mitten in der Nacht ein starker Druck aus dem Schlaf, begleitet von Atemnot. Mira erinnert sich, dass sie damals mit diesen Symptomen ihre Familienangehörigen nicht beunruhigen wollte. Also behielt sie es für sich und rief keinen Rettungsdienst. Sondern stieg in die U-Bahn. 

Diese Verzögerungen sind kein Einzelfall. Eine großangelegte Public Health Analyse über fast zwei Jahrzehnte zeigt, dass Frauen mit Angina pectoris signifikant häufiger keine oder verzögerte Diagnosen erhalten – selbst bei vergleichbarer Symptomatik  [8].

Das ESC Patient Forum bringt es auf den Punkt: Frauen erleben mitunter Unterdiagnostik und Unterbehandlung. Der Appell an die Fachwelt ist deutlich: Es braucht gezielte ärztliche Fortbildungen, Checklisten, strukturelle Begleitung [9].

Miras Geschichte zeigt genau, warum unauffällige Erstbefunde manchmal nicht ausreichen.

Als sie im Krankenhaus ankam, waren die ersten Untersuchungen unauffällig: „Labor normal, EKG normal“, erinnert sich Prof. Lang. Aber Miras Familienhistorie und ihr Bluthochdruck während einer Schwangerschaft ließen die Ärztin hellhörig werden.

Denn viele kardiovaskuläre Risiken von Frauen entstehen im Kontext von Menopause, Hormonschwankungen oder Schwangerschaft – Bereiche, in denen die Gynäkologie eine Schlüsselrolle hat. Ein interdisziplinärer Blick ist also wichtig.


Unauffällige Erstbefunde würden oft dazu führen, dass Frauen nach Hause geschickt werden. Doch bei Mira tat die Ärztin das Entscheidende: Sie blieb skeptisch.

Trotz unauffälliger initialer Befunde entschied das Team: „Wir machen jetzt trotzdem ein Koronar CT.“

Was dann sichtbar wurde, erklärt den gesamten Verlauf:
Eine nichtverkalkte, hochgradige Engstelle in der rechten Herzkranzarterie. Dies ist eine gefährliche Form der Verengung, weil nichtverkalkte Plaques besonders rupturgefährdet und damit instabil sind. 

Plaque Ruptur als typische Ursache für Herzinfarkt

Reißt ein solcher „weicher“ nichtverkalkter Plaque ein, wird besonders thromboseförderndes Material freigelegt, das innerhalb kürzester Zeit die Bildung eines Thrombus auslösen kann. Dieser kann die Arterie akut verschließen. 

Für die Patientin könnte dies bedeuten, dass der Blutfluss abrupt stoppt und es zu einem Herzinfarkt kommen kann – selbst wenn alle vorherigen Tests unauffällig waren.

Bei Mira bestätigten die Bilddaten, dass eine koronare CT-Diagnostik in solchen Fällen bei Frauen von zentralem Wert sein kann. Bei ihr konnte dadurch eine hochgradige Koronarstenose der rechten Koronararterie festgestellt werden.

Typische Messwerte wie zum Beispiel der CAC (Coronary Artery Calcium /Koronarer Kalzium-)Score sind für Frauen weniger treffsicher, und Beschwerdebilder wie eine beeinträchtigte Durchblutung der feinsten Herzgefäße oder krampfartige Verengung der Koronargefäße – das sogenannte INOCA (Ischemia with non-obstructive coronary artery disease/ Ischämie bei nicht-obstruktiver Koronararterienerkrankung) Spektrum – kommen bei Frauen überdurchschnittlich häufig vor. 

In einem Konsenspapier der European Association of Percutaneous Cardiovascular Interventions (EAPCI) und der European Society of Cardiology (ESC) empfehlen beide Organisationen ausdrücklich eine differenzierte, schrittweise koronarphysiologische Diagnostik, wenn die klassischen Verfahren -Koronarangiographie (ICA) oder  Koronar-CT-Angiografie (CCTA) - keine erklärenden Befunde liefern [10].

Ein zentrales Element der modernen Diagnostik der koronaren Herzkrankheit (KHK) ist die Analyse der Plaque Morphologie.

Christian Löwe, kardiovaskulärer Radiologe am Universitätsklinikum Wien, betont:
„Das Spannende ist, dass das CT nicht nur die Engstelle zeigt, sondern auch zeigt, was die Engstelle verursacht. Die Plaque, also die Verdickung im Gefäß, die die Engstelle verursacht, kann mittels CT sehr genau dargestellt und analysiert werden.“ 

Prof. Dr. Christian Löwe

Für Mira war die koronare CT Angiografie der Wendepunkt. Die Befunde führten zu einer zeitnahen koronar¬en Stentimplantation, da eine hochgradige Stenose der rechten Koronararterie vorlag, die unbehandelt zu einer kritischen Durchblutungsstörung des Herzmuskels hätte führen können.

Ohne diese Entscheidung wäre ihr Risiko für einen akuten Infarkt erheblich geblieben.

„Frauen sind von ihrer Gestalt und auch ihrer Gefäßgröße heikel“, erklärt Prof. Lang. 

Kleinere Gefäßdurchmesser, größere Verletzungsgefahr, höhere Blutungs- und Thromboseraten – das bestätigt auch die ESC Analyse zu ACS (acute coronary syndrome/akutes Koronarsyndrom) bei Frauen [11].

Diese Unterschiede bedeuten keineswegs, dass Frauen weniger von invasiven oder antithrombotischen Therapien profitieren. Sie erfordern lediglich eine bewusste Anpassung der Strategien: Zugangswege, Antikoagulation, die Schwelle zu bildgebenden Verfahren und das Monitoring müssen geschlechtersensibel erfolgen.

Die qualitative Studie aus Frontiers in Global Women’s Health beschreibt genau das Muster, das sich in Miras Verhalten zeigt: Frauen zögern häufiger, medizinische Hilfe zu suchen.

Die Gründe ähneln sich:

  • mangelnde Symptomkenntnis
  • familiäre Verpflichtungen
  • Angst, „überzureagieren“
  • frühere Erfahrungen im Gesundheitssystem [12]

Miras Satz – „Ich wollte keine Panik machen“ – steht sinnbildlich dafür.

Mira’s story begins quietly – with an undefined feeling. It ends well only because someone listened, took her seriously, and stayed committed to a better outcome

Women’s hearts sometimes send quieter signals. Hearing them clearly makes decisive action possible.



Portrait der Autorin Christine Rösch
Portrait der Autorin Christine Rösch
Von Christine Rösch
Christine ist Soziologin mit einem besonderen Interesse an Medizin- und Gesundheitssoziologie, Gesundheitskommunikation sowie Design Thinking. Sie arbeitet als Kommunikationsspezialistin für das Content Lab.