Zwei Gehirnmodelle, im Hintergrund unscharf Prof. Inglese, die gemeinsam mit zwei Kolleg*innen auf einen Computerbildschirm blickt.
Neurologie

Die Grenzen der Multiple-Sklerose-Forschung überwinden

Kliniker*innen und Forscher*innen leisten Pionierarbeit. Ihre Erkenntnisse helfen uns, herausfordernde Krankheiten wie Krebs, neurodegenerative Erkrankungen und komplexe Erkrankungen des Bewegungsapparats besser zu verstehen und zu diagnostizieren.

4min
Doris Pischitz
Veröffentlicht am 18. September 2023

Prof. Dr. Dr. Matilde Inglese ist eine dieser Pionier*innen.

<p id="isPasted">Professor Inglese ist Professorin für Neurologie an der Universität Genua, Italien, und Leiterin des Zentrums für Multiple Sklerose (MS) am IRCCS Policlinico San Martino Hospital. Sie koordiniert an der Klinik das Disease-Management-Team für MS. Als Assistenzärztin war Inglese beeindruckt davon, wie junge Patient*innen mit dieser chronischen, stark beeinträchtigenden Krankheit umgingen und damit zu leben lernten. Auch heute ist das für sie ein sehr motivierender Faktor.</p>
<p>„Jeden Tag erleben wir sehr ergreifende Geschichten. Junge Frauen und Männer kommen zu uns, weil sie eine Fähigkeit oder Funktion ihres Körpers verloren haben", sagt Inglese.</p>
<p>MS führt zu Entzündungen, <a href="Demyelinisierung">Demyelinisierung</a> und Neurodegeneration des zentralen Nervensystems. „Wir verstehen die Ätiologie der Krankheit nicht, doch wir wissen, dass es sich pathophysiologisch um eine Autoimmunerkrankung handelt, bei der autoreaktive periphere Lymphozyten auf ein noch unbekanntes Antigen reagieren“, fasst Inglese den derzeitigen Wissensstand über MS zusammen. Diese Lymphozyten können die Blut-Hirn-Schranke überwinden, in das zentrale Nervensystem eindringen und eine entzündliche, demyelinisierende Reaktion auslösen, die zu Neurodegeneration und neuroaxonalem Verlust führt.</p>

Myelin ist eine fetthaltige Substanz, die Nervenfasern – die sogenannten Axone – in Hirn und Rückenmark umhüllt, schützt und isoliert.


Porträtfoto von Professor Inglese am Dozentenpult im Hörsaal.

Frauen sind zwei- bis dreimal häufiger von MS betroffen als Männer, wobei die ersten Symptome im Alter zwischen 20 und 40 Jahren auftreten [1]. „Die Betroffenen befinden sich in der produktivsten Phase ihres Lebens, sowohl persönlich als auch beruflich. Es ist eine chronische Krankheit, mit der die Erkrankten für den Rest ihres Lebens leben müssen. Und es ist eine schwer beeinträchtigende Krankheit: Die Patient*innen verlieren nach und nach ihre motorische Autonomie und andere neurologische Funktionen“, erklärt Inglese.

„Heute hilft uns MRT, eine korrekte Diagnose zu stellen und die richtigen Behandlungen auszuwählen, mit der sich die Symptome lindern lassen“, sagt Inglese.

<p>Laut Inglese lassen sich mit neuen, krankheitsmodifizierenden Behandlungen Entzündungsvorgänge wirksam hemmen. Das Fortschreiten der Krankheit können sie jedoch nur begrenzt verlangsamen.</p>
MRT-Bild des Gehirns mit MS-Läsionen
<p>Auch um die Vorgänge im Gehirn der Patient*innen besser zu verstehen, greift Inglese auf MRT zurück: „Während bei der konventionellen MRT alle Läsionen gleich aussehen, selbst wenn sie sich in unterschiedlichen Entwicklungsstadien befinden, könnten fortschrittliche MRT-Techniken wie die <a href="Diffusions-MRT">Diffusions-MRT</a> oder die Myelin-Wasser-Fraktion, Magnetisierungstransfer-Bildgebung usw. pathologische Spezifität liefern." Diese Technologien helfen Ärzt*innen und Forscher*innen wie Inglese und ihrem Team, zwischen entzündeten, demyelinisierenden oder remyelinisierenden Läsionen zu unterscheiden oder das Ausmaß neuer axonaler Schädigungen zu beurteilen.</p>

Die diffusionsgewichtete MRT nutzt spezielle Sequenzen zur Messung der Diffusion von Wassermolekülen, um einen Kontrast in MR-Bildern zu erzeugen.

Inglese sieht jedoch noch Raum für Verbesserungen in der MRT-Bildgebung und -Technologie:
<p>„Unsere aktuelle Forschung zur Diffusions-MRT, in Zusammenarbeit mit unseren Physiker*innen und Mathematiker*innen, hat gezeigt, dass wir für eine genaue Messung mikroskopisch kleiner Schäden mit Diffusions-MRT eine Gradientenamplitude von mindestens 150 Millitesla pro Meter [mT/m] benötigen", sagt sie.</p>
<p>Eine hohe Anstiegsgeschwindigkeit des Gradienten würde auch andere fortschrittliche MRT-Techniken verbessern, die Inglese in ihrer Forschung einsetzt. Außerdem erwartet sie, dass ein stärkerer Gradient die Erfassung der Sequenzen patientenfreundlicher machen wird. „Die immer leistungsfähigere und damit auch akkuratere MRT verschafft uns Vorteile sowohl bei der Diagnose als auch bei der Prognose neurologischer Erkrankungen. Außerdem werden wir genauere Instrumente haben, um das Ansprechen auf aktuelle und künftige Behandlungen zu überwachen." MS könnte so zu einem Modell für die Untersuchung von Entzündungen und Degeneration bei vielen anderen neurologischen Erkrankungen werden, insbesondere bei den häufigsten neurodegenerativen Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson oder amyotrophe Lateralsklerose (ALS).</p>
MRT-Bild des Gehirns mit MS-Läsionen
Mit mehr als einem Dutzend heute verfügbarer krankheitsmodifizierender Therapien für MS [2] und 33 weiteren, die sich derzeit in verschiedenen klinischen Prüfungstadien befinden [3] verbessern sich die Aussichten für Patient*innen. Die MRT hilft Forscher*innen und Ärzt*innen, korrekte Diagnosen zu stellen und Behandlungen zu wählen, die die Entstehung neuer Läsionen verhindern, Symptome lindern und Lebensqualität verbessern können.
<p>„Eine Behandlung anbieten zu können, die das Fortschreiten der Krankheit aufhalten kann, ist natürlich sehr befriedigend und ermutigend. Und es gibt auch dem, was wir hier tagtäglich tun, einen Sinn“, sagt Inglese.</p>
Prof. Inglese blickt beim Gang durch den Korridor des Forschungsgebäudes auf ihr Mobiltelefon.
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Von Doris Pischitz
Doris Pischitz ist Redakteurin in der Unternehmenskommunikation bei Siemens Healthineers. Das Team ist spezialisiert auf Themen rund um Gesundheit, Medizintechnik, Krankheitsbilder und Digitalisierung.