Modernste Kardiologie in Portugals Hinterland

Erfahren Sie, wie ein Provinzkrankenhaus zu einem der modernsten Herzzentren Portugals werden konnte. Hier spielt die Entfernung keine Rolle. 

5min
Manuel Meyer
Veröffentlicht am February 25, 2022

Das Hospital do Espírito Santo de Évora verbessert nicht nur die Gesundheitsversorgung in der portugiesischen Provinz Alentejo, sondern entwickelt sich auch zu einem landesweiten Referenzkrankenhaus für kardiovaskuläre Interventionen. Das zieht Ärzt*innen wie Patient*innen aus ganz Portugal ins südliche Hinterland.

Steineichen und Olivenbäume soweit das Auge reicht. Schwarze Stiere und Schafe weiden in der sanften Hügellandschaft, die sich bis zum Horizont erstreckt. Mittendrin erhebt sich Évora mit seinen weißgekalkten Häusern, Kirchen und Klöstern. Bereits 1986 erhob die UNESCO das mittelalterliche Städtchen in der ländlichen Alentejo-Provinz im Süden Portugals zum Weltkulturerbe. In Évora scheint die Zeit stehengeblieben zu sein.
<p>Die ländliche Alentejo-Provinz im Süden Portugals.<br>&nbsp;</p>
Filomena Mendes, PhD
Selbst ein Teil des Provinzkrankenhauses Hospital do Espírito Santo de Évora (HESE) stammt noch aus dem 16. Jahrhundert, da es sich um ein ehemaliges Kloster handelt. Uralte Kacheln zieren bis heute Flure und Zimmer. Doch ausgerechnet hier befindet sich eines der landesweit modernsten und innovativsten Zentren für Interventionskardiologie überhaupt. Die milchige Glastür mit der Aufschrift CRIA (Centro de Responsabilidade Integrada Cérebro-Cardiovascular do Alentejo) ist wie ein Tor in die medizinische Zukunft. Die vier Buchstaben stehen im Portugiesischen für „Zentrum für kardiovaskuläre Eingriffe im Alentejo“.
Hospital do Espírito Santo de Évora (HESE), Évora, Portugal.<br><br>
Hospital Espirito Santo
Eigentlich ging es dem Krankenhaus bei der Planung des neuen Herz-Kreislauf-Zentrums zunächst einmal um soziale Gerechtigkeit. Während in Ballungszentren wie Lissabon oder Porto permanent staatliche Kliniken modernisiert und damit die medizinische Versorgung verbessert wurde, tat sich in der Provinz jahrelang wenig. „Im ländlichen Alentejo lebt aber eine sehr überalterte Bevölkerung. Schlaganfälle und Herzerkrankungen gehören hier zur häufigsten Todesursache. Deshalb wollen sie ihre Kapazitäten erhöhen um Patient*innen dieselbe professionelle Versorgung wie in anderen Regionen bieten zu können.<br><br>Für das ambitionierte Projekt gewann das Krankenhaus schließlich auch den landesweit renommierten Spezialisten für interventionelle Kardiologie, Professor Dr. med. Lino Patrício, vom Lissaboner Universitätsklinikum Hospital de Santa Marta. Als neuer Chefarzt übernahm er die Leitung für den Aufbau des neuen kardiologischen Zentrums. Was noch fehlte? Ein starker Partner, um technologisch und mit bester Bildqualität auf den neusten Stand zu kommen. Das Katheterlabor soll für Eingriffe optimiert werden, um zum Beispiel koronare Herzerkrankungen, Herzklappenfehler, Herzrhythmusstörungen behandeln zu können.<br>
<p>Professor Dr. med. Lino Patrício, Leitender Chefarzt des Kardiologischen Zentrums in Évora.<br></p>
Professor Lino Patricio
<p>Diesen fand der Vorstand des Krankenhauses und&nbsp;Patrício schließlich in Siemens Healthineers. Mit der Firma gingen sie 2018 eine umfassende Partnerschaft, eine sogenannte <a href="Value%20Partnership">Value Partnership</a>, über einen Zeitraum von acht Jahren ein. Diese langzeitige Kooperation geht allerdings weit über die einfache Bereitstellung von medizintechnischen Geräten und Bildgebungssystemen hinaus, erklärt Ivan França, CEO von Siemens Healthineers Portugal: „Wir warten und aktualisieren die Geräte mit neuester Software und schulen die Mitarbeiter*innen in der Benutzung der Systeme. Zudem helfen wir den klinischen Betrieb durch Raumplanung sowie durch die Standardisierung und Digitalisierung der Arbeitsprozesse zu optimieren und effizienter zu machen“.<br><br>Siemens Healthineers fördert zudem die Forschungsaktivitäten und die Zusammenarbeit zwischen dem kardiovaskulären Innovationszentrum und der Universität Évora zur Ausbildung angehender Fachärzt*innen, die es zuvor in diesem Maße nicht gab. Davon profitieren nicht nur die Patient*innen. Das Krankenhaus erhofft sich, durch die erweiterten Ausbildungs- und Forschungsprojekte auch junge Talente gewinnen und binden zu können.<br></p>
Value Partnerships sind langfristige, ergebnisorientierte Partnerschaften. Innovative Geschäftsmodelle schaffen Mehrwert für die Einrichtung und unterstützen kurzfristige und langfristige Ziele zu erreichen.
Ein multidisziplinäres Team mit einem optimierten Arbeitsprozess kann am besten auf die Bedürfnisse der Patienten eingehen.<br><br>
Trained employees
<p>Im Gesamtumfang der Value Partnership war auch ein effizientes Finanzmodell enthalten, wonach die medizintechnische Ausstattung und Einrichtung eines zweiten Katheter-Labors ermöglicht wurde. So stehen im HESE der kardiovaskulären Abteilung nun ganz neue Behandlungsmöglichkeiten, doppelte Kapazitäten sowie ein erweitertes Leistungsportfolio zur Verfügung.<br><br><br><b>Die Value Partnership umfassen individuell zugeschnittene Serviceangebote. In Évora zum Beispiel wurde der Arbeitsablauf optimiert, um die Patientenerfahrung zu verbessern.</b><br></p>
<p>Patient*innen aus Alentejo brauchen für Angiographien oder katheterbasierte Implantationen, heute nicht mehr ins 150 Kilometer entfernte Lissabon überwiesen zu werden. „Wir können jetzt nicht nur eine größere Zahl an interventionellen kardiologischen Untersuchungen und Eingriffen, sondern auch komplexe koronare und vaskuläre Angiographien durchführen“, erklärt Laborleiter Lino Patrício. Heute ist das Platzieren von Stents bei koronaren Herzerkrankungen oder der Ersatz einer Aorten-Klappe auch in Évora leicht möglich.<br><br>Forschung, Ausbildung, neuste Innovationstechnologien – Faktoren, die Patrício suchte, um hier in Évora seine Zukunftsvision der kardiovaskulären Intervention umzusetzen. Gerade in der modernen interventionellen Kardiologie gebe es Überschneidungsbereiche, in denen Spezialist*innen verschiedener Fachbereiche gemeinsam arbeiten und voneinander lernen können, meint Patrício. „So arbeiten wir hier nicht nur mit neuster Technologie, sondern auch mit einem innovativen und in Portugal einzigartigen Arbeitskonzept. In unserem Zentrum finden sich Ärzt*innen verschiedener Fachgebiete, wie der Kardiologie, Gefäßchirurgie oder Neuroradiologie, zu einem multidisziplinären Team zusammen“, erklärt Lino Patrício.</p>

Professor Patricio Lino

<p>Sein Ziel war, bald Teams verschiedener Fachrichtungen an konkreten Fällen zusammenarbeiten zu lassen. Durch diese Synergien können sich ganz neue Behandlungs- und Operationsweisen entwickeln. Er gibt zu, dass diese multidisziplinäre Arbeit für alle eine Herausforderung darstellt – aber eine enorm attraktive. So konnte er bereits auch renommiertes medizinisches Fachpersonal – vor allem aus Lissabon – nach Évora locken, die an dem „Pionierprojekt“ teilnehmen wollten. Mit dieser Kombination aus Innovationstechnologien und angesehenen Fachärzt*innen etabliert sich das HESE durch die Kooperation mit Siemens Healthineers zu einem nationalen Referenzkrankenhaus für Herz- und Gefäßbehandlungen – für Ärzt*innen sowie für Patient*innen.<br><br>Professor Patrício legte bei der Kooperation mit Siemens Healthineers große Bedeutung auf den Ausbau einer telemedizinischen Versorgung. Durch telemedizinische Betreuung können Patient*innen Zuhause vor und nach dem operativen Eingriff vom Klinikpersonal versorgt werden. So wollte sich Francisco Antonio Rosa aus Lissabon unbedingt im HESE behandeln lassen. Er litt an einem Herzklappenfehler, und in Évora bekam er eine neue Aorten-Herzklappe durch <a href="TAVI">TAVI&nbsp;</a> implantiert. Zudem war hier auch die Warteliste für Operationen wesentlich kürzer als in Metropolen wie in Lissabon oder Porto. Der 84-jährige Portugiese sagt, dass die Entfernung nach Évora keine Rolle spiele.</p>
Eine biologische Herzklappenprothese wird über einen kleinen Zugang mittels Katheter implantiert (engl. transcatheter aortic valve implantation).
<p>Francisco lässt sich bei den täglichen Routinekontrollen gerne von seiner Frau helfen.</p>
Francicsco´s wife help him with daily routine checks
<p>Über Wochen schickte Rosa jeden Tag mit den ausgeliehenen Messgeräten und der Smartphone-App seine Gewichtsangaben, Blutdruckwerte, den SpO2-Gehalt im Blut sowie seine Herzfrequenz ans HESE-Hospital, wo drei technische Mitarbeiter*innen sich mit der telemedizinischen Software ausschließlich um die Auswertung der Vitalwerte der Patient*innen kümmern.<br><br>Die <a href="Fern%C3%BCberwachung%20" target="_blank">Telemedizin&nbsp;</a> der Patient*innen in ihrem häuslichen Umfeld habe die Qualität der medizinischen Versorgung gerade in einer so dünn besiedelten Region wie Alentejo deutlich verbessert, erklärt die für die Datenauswertung zuständige MTRA Sandra Nunes. Alentejo nimmt ein Drittel der Fläche Portugals ein, doch leben hier gerade einmal 700.000 Menschen – 22 Personen pro Quadratkilometer. Viele der älteren Herzpatient*innen sind nicht mobil. „Wir sind über den Datenaustausch aber im ständigen Kontakt mit ihnen und rufen sie an, sobald wir Veränderungen bei den Werten feststellen“, so Nunes.&nbsp;</p>

Sie ermöglicht Ärzt*innen und Patient*innen jederzeit und allerorts in wenigen Minuten virtuell in Kontakt zu treten.

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Das medizinisch-technische Personal überprüft die per Telemedizin übermittelten Vitaldaten.<br><br>
healthcare technicians checking vital data
Durch die Fernbetreuung sei aber nicht nur der Kontakt persönlicher und direkter geworden, was gerade älteren Patient*innen mehr Vertrauen und Sicherheit gebe, erklärt die leitende Krankenpflegerin Marisa Serrano. „Wir lernen die Patient*innen durch die intensive Vorkontrolle vor dem Eingriff auch viel besser kennen, wodurch wir bei der Einweisung und den OP-Vorbereitungen viel schneller und effizienter arbeiten können“. Die Arbeit in dem neuen, multidisziplinären Herz-Kreislaufzentrum sei zwar sehr anspruchsvoll und erfordere viel Teamgeist, mache den Job gleichzeitig aber auch viel spannender, abwechslungsreicher und interessanter als vorher, versichert Serrano. „Zudem lernen wir ständig hinzu und wachsen beruflich“, meint die Pflegerin. Auf Pflegepersonal-Konferenzen werde sie immer häufiger von Kolleg*innen aus anderen Regionen Portugals auf den Aufstieg Évoras zum Referenzkrankenhaus für kardiovaskuläre Intervention angesprochen. „Das erfüllt mich natürlich mit Stolz“, meint Serrano.
Francisco wurde behandelt, nachdem sich sein Gesundheitszustand kritisch verändert hatte.<br><br>
Francisco receiving his procedure
<p>Und der Weg in die Zukunft der kardiovaskulären Intervention hat gerade erst begonnen, versichert Professor Lino Patrício. Bereits Ende 2023 wird das Hospital do Espírito Santo de Évora in ein komplett neues Gebäude umziehen. „Hier wollen wir neben zwei Katheterlaboren auch einen Hybridraum für chirurgische und interventionelle Eingriffe einrichten”. Siemens Healthineers wird den Umzug aller Geräte in das neue Klinikgebäude sowie die Inbetriebnahme aktiv begleiten. Patrício kann es kaum erwarten, wenn Patient*innen zukünftig im moderneren Krankenhaus medizinisch versorgt werden können, und der Arbeitsplatz für das frisch zusammengestellte Team noch attraktiver wird.</p>

Von Manuel Meyer

Manuel Meyer reports from Spain and Portugal for Ärzte Zeitung (a German newspaper for physicians and other medical professionals) and other media outlets. He is based in Madrid.