COVID-19

Durchbruch in der Telemedizin

Vor der Pandemie bevorzugten sowohl Ärzt*innen wie auch Patient*innen persönliche Termine, um ein gesundheitliches Problem zu behandeln. Im vergangenen Jahr wurde die Effizienz von virtuellen Meetings offensichtlich und sie erlangten damit einen neuen Stellenwert. Das hat nicht nur die Gesellschaft und die Arbeitswelt, sondern auch das Gesundheitswesen grundlegend verändert.

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Chris Kraul
Veröffentlicht am 17. Juni 2021
Die chilenische Kinderärztin Dr. Elisa Aranda gab kürzlich einer besorgten Mutter wichtige medizinische Ratschläge für ihr nur einige Monate altes Baby, das unter chronischem Durchfall litt. Nachdem sie das Problem des Säuglings als Nahrungsmittelallergie diagnostiziert hatte, riet sie der stillenden Mutter, keine Kuhmilch oder Kuhmilchprodukte mehr zu konsumieren, da sie vermutete, dass dies die Ursache für die Reaktion des Säuglings war. Die Mutter strich die Milch aus ihrer Ernährung – und innerhalb weniger Tage klärten sich die Verdauungsprobleme ihres Babys. <br><br>Das Ungewöhnliche an diesem Fall war, dass Dr. Aranda ihre Diagnose stellen und eine Empfehlung geben konnte, ohne das Baby jemals physisch untersucht zu haben. Die Kommunikation über das Internet mithilfe der „eHealth Virtual Visit“-Software half der Ärztin, ihre kleine Patientin zu behandeln und ein vertrauliches Arztgespräch mit der Mutter in Purén zu führen, 200 Kilometer von ihrem Behandlungszimmer in der Klinik Andes Salud in Concepcion entfernt.
Dank der Telemedizin konnte die Mutter sich die Zeit und Kosten sparen, ihr Kind zu einer Untersuchung bei Dr. Aranda zu bringen, die auf pädiatrische Gastroenterologie spezialisiert ist. Gleichzeitig blieb es der Ärztin und ihrem Krankenhaus erspart, eine junge Patientin zu einem Zeitpunkt aufzunehmen, in der das SARS-CoV-2-Virus grassierte und die Krise die verfügbaren Krankenhausbetten in Anspruch nahm.

Elisa Aranda, MD, Pediatrician

<p></p><p>„Aber ich habe gelernt, dass ich in vielen Fällen perfekt diagnostizieren und behandeln kann,“ sagt Dr. Aranda, eine gefragte und hoch angesehene Fachärztin, die zugibt, dass sie anfangs noch zögerte, Telemedizin zu nutzen.</p> <p>Im vergangenen Jahr wurde die Effizienz von virtuellen Meetings deutlich, denen nun ein ganz neuer Stellenwert beigemessen wird. Das hat nicht nur die Gesellschaft und die Arbeitswelt, sondern auch das Gesundheitswesen grundlegend verändert. Vor der Pandemie bevorzugten Ärzt*innen und Patient*innen gleichermaßen persönliche Besuche, um ein Gesundheitsproblem zu behandeln, sagt Gonzalo Grebe, CEO von Andes Salud, einem Klinik- und Ärzte-Netzwerk, zu dessen vier chilenischen Krankenhäusern auch Dr. Arandas Krankenhaus in Concepcion gehört.</p><br><p></p>

Gonzalo Grebe, CEO

<p>Aber diese Einstellung änderte sich im letzten Jahr, nachdem Patient*innen aufgrund von COVID-19 Angst hatten, ihr Haus für Arzttermine zu verlassen; und die Ärzt*innen Angst hatten, sich und das Pflegepersonal unnötig zu exponieren. Im Ergebnis wurden virtuelle Besuche normal und die Telemedizin feierte ihren Durchbruch. Das Marktforschungsunternehmen Fortune Business Insights geht davon aus, dass sich der globale Markt für Telemedizin von US$61,4 Milliarden im Jahr 2019 bis 2027 auf US$560 Milliarden fast verzehnfachen wird. Allein im US-amerikanischen Gesundheitssystem, das als Indikator für künftige Entwicklungen gilt und fast die Hälfte des globalen Gesundheitsmarktes ausmacht,[1] stiegen die virtuellen Besuche von nur 0,15 Prozent der Krankenversicherungsansprüche im April 2019 auf 13 Prozent im April 2020.[2]</p>
Telehealth
<p></p><p>Einerseits hat die Telemedizin den Ärzt*innen geholfen, ihre Zeit besser und effizienter einzuteilen, doch ihr schnelles Wachstum verdankt sie ebenso der Zufriedenheit der Patient*innen. Eine Sozialarbeiterin und alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, die auf der Insel Chiloe im Süden Chiles lebt, schwört auf Telemedizin. Im vergangenen Herbst hatte sie vor ihrer Bauchoperation zwei vorbereitende Konsultationen via eHealth Virtual Visit und ersparte sich damit die 200 Kilometer lange Fahrt zu ihrem Chirurgen in der Andes Salud Klinik in Puerto Montt, wo die Operation später stattfand.</p> <p>In diesem Fall sparte sie mehr als nur das Busgeld. „Wir befanden uns auf einer Insel, die unter Quarantäne stand. Wenn ich also vor meiner Operation persönlich zum Arzt gegangen wäre, hätte ich mich nach meiner Rückkehr nach Hause 14 Tage lang isolieren müssen, was für mich zwei Wochen ohne Arbeit bedeutet hätte, und zwei Wochen, in denen meine Abteilung ohne Leitung gewesen wäre“, sagt sie.</p><br><p></p>
<p>Der Durchbruch der Telemedizin wurde durch Fortschritte in der Telekommunikation, durch die allgegenwärtigen Smartphones und die Entwicklung von Telemonitoring-Geräten beschleunigt, mit denen Ärzt*innen ihre Patient*innen mit beispielsweise Herzproblemen und Diabetes aus der Ferne betreuen können. Chile ist ein ideales „Labor“ für Telemedizin, denn das 4.200 Kilometer lange Land umfasst dünn besiedelte Regionen im Norden und Süden, in denen eine gute Gesundheitsversorgung nicht flächendeckend gewährleistet ist – eine Lücke, die mit Hilfe der Telemedizin geschlossen werden kann.</p><p> Die Direktoren der Andes Salud Gruppe erwarben die vier Krankenhäuser im Jahr 2018 und starteten sofort einen „Investitions- und Wachstumsprozess“, so Grebe, um die Reichweite des Netzwerks zu erweitern, das Gesundheitsmanagement und die Dienstleistungen zu modernisieren und weitere Ärzt*innen in das Netzwerk aufzunehmen.<br></p>
<p></p><p>Schon bald nach der Übernahme ging das Management eine Partnerschaft mit Siemens Healthineers ein, wobei die Telemedizin ein integraler Bestandteil der neuen Strategie wurde. Grebe sagt, er habe sich durch den anfänglichen Widerstand der Ärzt*innen gegen die Telemedizin nicht entmutigen lassen. „Ihre Krankenhäuser waren voll und so waren sie mit der Situation zufrieden, gleichzeitig wuchs die Telemedizin in anderen Ländern exponentiell. Wir hatten das Gefühl, dass sie ihre Gewohnheiten in naher Zukunft sicher ändern würden, sobald sie die Vorteile besser verstünden.“ Diese Vorteile wurden mit der grassierenden COVID-19 Pandemie besonders deutlich, als die Patient*innen „Krankenhäuser als gefährliche Orte sahen“, sagt Grebe.</p><p></p>
<p>Ärzt*innen und Patient*innen fühlen sich zunehmend wohl mit virtuellen Behandlungen, vor allem in Fällen mit „mittlerer bis geringer Komplexität“ in Fachgebieten wie psychische Gesundheit, Ernährung und Nachsorge von chronischen Erkrankungen. Der Anteil der ärztlichen Konsultationen in der Andes Salud Gruppe, die über die „eHealth Virtual Visit“-Plattform abgewickelt werden, liegt bei etwa 30 Prozent und steigt weiter an. Anfang 2020 lag er noch fast bei fast null. Natürlich werden virtuelle Konsultationen bei einigen Krankheiten und Notfällen niemals die persönliche Untersuchung ersetzen, aber die Telemedizin wird die COVID-19-Pandemie bei weitem überdauern und im Laufe der Zeit eine „permanente und wachsende Nutzung erfahren“, ist Gonzalo Grebe überzeugt.</p>
<p></p><p>Die Herausforderung für die Telemedizin besteht darin, ihr Ökosystem zu erweitern. Zu diesem Zweck arbeitet Siemens Healthineers mit lokalen Regierungs-, Gemeinde- und Gesundheitsbehörden zusammen, um die Internetverbreitung in abgelegenen Gebieten zu erhöhen und um bedürftigen Patient*innen wichtige Hardware – Smartphones, Tablets und Laptops – zur Verfügung zu stellen.</p> <p>Das Unternehmen hat Andes Salud dabei geholfen, mit eHealth Virtual Visit den Grundstein für die Telemedizin zu legen. Es bietet damit die Plattform, um das zu ermöglichen, was Grebe eine neue Beziehung zwischen Ärzt*innen und Patient*innen nennt. „Unsere Partnerschaft mit Siemens Healthineers gibt uns die Sicherheit, über einen Service von sehr hoher Qualität zu verfügen, den wir in ganz Chile mit der Unterstützung der Ärzt*innen der Andes Salud Gruppe anbieten können.“</p> <p>Dr. Aranda stimmt zu und glaubt, dass die Anwendungen für Telemedizin zahlreicher werden. „Virtuelle Konsultationen ermöglichen es mir, bestehende Patient*innen zu behandeln und neue Patient*innen anzunehmen, sogar während der Pandemie. Sie sind eines der Werkzeuge einer guten medizinischen Versorgung und werden dies auch auf Dauer bleiben.“</p><p></p>

Von Chris Kraul

Chris Kraul, ehemaliger politischer Auslandskorrespondent der Los Angeles Times, lebt jetzt als freier Autor in Bogota, Kolumbien, und hat sich auf Gesundheits- und Energiethemen spezialisiert.