Mit freundlicher Genehmigung der Kerckhoff-Klinik, Bad Nauheim | Foto Harry Bellach

Angiographie im UmbruchWarum KI jetzt den Unterschied macht

18.06.2026

Die KI durchläuft in der Angiographie erst den Vorspann ihrer Erfolgsgeschichte. Viele Innovationen stehen noch ganz am Anfang der Entwicklung, weitere und bislang ungeahnte dürfen wir erwarten. Doch schon heute stiftet die KI konkreten Nutzen. Erste klinische Erfahrungsberichte bestätigen das – zum Beispiel in Dortmund, Gießen und Bad Nauheim.

Wenn er gemeinsam mit Radiolog*innen CT-Bilder analysiert, geht es nicht nur um „Vier-Augen-sehen-mehr-als-zwei“. Sondern um die Risikostratifizierung bei einer Koronarintervention. Mit dem automatisierten syngo.CT Coronary Cockpit segmentieren und markieren Prof. Dr. Samuel Sossalla, Direktor der Medizinischen Klinik I im Universitätsklinikum Gießen und der Abteilung Kardiologie in der Kerckhoff-Klinik Bad Nauheim und sein Team Koronararterien. Zudem visualisieren und quantifizieren sie Plaque-Typen für den gesamten Koronarbaum oder einzelne Läsionen. Das erlaubt nach Einschätzung von Sossalla interventionellen Kardiolog*innen eine präzise und einfache, CT-basierte Planung des Eingriffs, mit minimalem Aufwand. Schon im Vorfeld gewinnen die Akteure ein differenziertes Bild davon, was auf sie zukommt. Sie antizipieren Komplikationen und können die voraussichtliche Dauer des Eingriffs besser abschätzen – insbesondere bei komplexen Läsionen.
Ansicht und Nutzung der Planungsdaten aus syngo.CT Coronary Cockpit auf der Angiographie-Anlage mittels PCI Connect | Mit freundlicher Genehmigung des National Institute of Cardiology Warschau

In Anbetracht steigender Zahlen an Koronar-CTs plädiert Sossalla dafür, die vorhandenen Informationen in den klinischen Alltag zu integrieren und für die patientenindividuelle Eingriffsplanung zu nutzen.

Zusätzlich bietet die CT-FFR, insbesondere in Kombination mit Dual-Source Photon-Counting CT, eine patientenschonende Möglichkeit, den Interventionsbedarf im Vorfeld klarer zu definieren.


Duch die Zusammenführung von Angiographie und Computertomographie gelangt im wörtlichen wie im übertragenen Sinn eine neue Dimension ins Herzkatheterlabor. Die Integration von 2D-Bildern aus der Angiographie und 3D-Darstellungen aus der Computertomographie macht anatomische Strukturen sichtbar, die sich im konventionellen Angio-Bild kaum erkennen lassen.
Beispiel einer CT-Angiofusion
3Mensio-Planung auf Basis eines CT-Datensatzes und Fusion mit Angio-Livebild | Mit freundlicher Genehmigung des St. Johannes-Hospital Dortmund

Gute Erfahrungen gemacht hat Prof. Dr. Helge Möllmann, Chefarzt und Direktor der Klinik für Innere Medizin I im St. Johannes-Hospital Dortmund. Er setzt die CT-Angiofusion bevorzugt bei strukturellen Herzerkrankungen ein. Sie gibt ihm mehr Sicherheit bei der präzisen Steuerung und Positionierung der Katheter und Devices, was die Intervention spürbar beschleunigt.


Ein anschauliches Beispiel für den Wert der künstlichen Intelligenz in der Angiographie liefert die Bildgebungstechnologie OPTIQ AI. Ein KI-basierter Algorithmus reduziert in Echtzeit das bei der Bilderzeugung verursachte Rauschen. Prof. Dr. Bernhard Unsöld vom Universitätsklinikum Gießen gehört zu den ersten Anwendern in Deutschland. Der Stellvertretende Direktor der Klinik für Kardiologie und Leiter des Herzkatheterlabors erzielt nach eigenen Angaben kontrastreichere und somit aussagekräftigere Bilder, ohne dass er dafür die Strahlendosis erhöhen muss.
Wie stark die Dosis je nach Anwendungsfall reduziert werden kann, hat Unsöld in einer internen und nicht repräsentativen Studie am Universitätsklinikum Gießen ermittelt. Er verglich von September 2025 bis März 2026 zwei angiographische Röntgensysteme von Siemens Healthineers: die Systemgeneration der ARTIS-Plattform und die KI-basierte Weiterentwicklung ARTIS icono.explore mit OPTIQ AI. Sein Ergebnis: „Das innovative ARTIS icono.explore kommt bei Koronarangiographien und PCI korrigiert für die Untersuchungszeit durchschnittlich mit 64 beziehungsweise 65 Prozent weniger Strahlung aus. Bei komplexen PCI sind es 59 Prozent – jeweils bei vergleichbarer Bildqualität.“