Eine Plattform für die Vernetzung der Akteure im GesundheitswesenSiemens Healthineers und IBM kooperieren

Philipp Grätzel von Grätz
|01.12.2020

Mit einem als Plattform-as-a-Service konzipierten Angebot für medizinische Einrichtungen und innovative Software-Entwickler wollen Siemens Healthineers und IBM die digitale Vernetzung im deutschen Gesundheitswesen einen großen Schritt voranbringen. Ein interoperabler „Mehrfachstecker“ ermöglicht die Nutzung von Mehrwertdiensten, den Anschluss an die Dienste der Telematikinfrastruktur (TI) und die Kommunikation mit elektronischen Akten verschiedener Art.

Durch eine Reihe von Gesetzen und Verordnungen hat die Politik im deutschen Gesundheitswesen eine große digitale Dynamik erzeugt, die immer größere Früchte trägt. So haben die Versicherten der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) seit Anfang 2021 ein Anrecht auf eine elektronische Patientenakte (ePA) nach gematik-Spezifikation. An diese ePA müssen im Laufe des Jahres auch die Krankenhäuser andocken.

Gleichzeitig wird auch die Kommunikation zwischen den Leistungserbringern zunehmend digital. Zusätzlich wollen immer mehr medizinische Einrichtungen digitale Mehrwertdienste anbieten oder selbst nutzen, mit denen die Versorgungsqualität verbessert oder Prozesse effizienter gestaltet werden können. Dabei entsteht an zahlreichen Stellen der Bedarf, Zugriffsrechte zu regeln, Identitäten zu verwalten und sensible medizinische Informationen im Einklang mit dem deutschen Datenschutzrecht und der europäischen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) sicher zu verarbeiten.

Genau hier setzt das Plattform-as-a-Service-Angebot „teamplay digital health platform connect“ an. „Unser Ziel ist es, die Krankenhäuser in vielen IT-Projekten zu entlasten und auf dem deutschen Markt eine Lösung anzubieten, die es erlaubt, digitale Dienste aller Art unkompliziert zu nutzen und einfacher zu integrieren“, so Dr. Christian Kaiser, Leiter Digital Services Central Western Europe Siemens Healthineers. „Die teamplay digital health platform connect ist dabei kein Ersatz für die eigene elektronische Patientenakte. Es handelt sich vielmehr um eine Plattform, die es ermöglicht, auf dezentral von medizinischen Einrichtungen zur Verfügung gestellte medizinische Dokumente und Daten zuzugreifen“, so Kaiser. Zudem können Patientendokumente oder -daten weitergegeben werden, etwa an die Krankenkassen-ePA oder über den KIM-Dienst1 der TI1.

Das offene Plattformkonzept erlaubt es aber auch, Mehrwertanwendungen jenseits der TI zu bedienen, die auch von Partnerunternehmen angeboten werden. Voraussetzung ist jedoch immer das dokumentierte Einverständnis des Patienten. Ein solcher Mehrwertdienst könnte zum Beispiel ein Check-in Dienst sein, bei dem Patienten Informationen schon vor Aufnahme ins Krankenhaus zur Verfügung stellen können. Auch forschungsbezogene Fragebögen könnten eine Mehrwertanwendung sein. Als drittes Beispiel nannte Christian Noll, General Manager IBM Global Business Services DACH, sichere Messenger-Dienste innerhalb einer klinischen Einrichtung.

<p>Dr. Christian Kaiser</p>

Der eingesetzte Software-Konnektor fungiert bei teamplay digital health platform connect wie ein digitaler Multifunktionsstecker, der die Anbindungsvarianten HL7 V2, IHE XDS, FHIR und native SOAP-Interfaces unterstützt. Für Krankenhäuser, die in regionale IHE-Netzwerke eingebunden sind, steht zudem IHE XCA zur Verfügung. „Der Leistungserbringer verbindet sich nur einmal mit der Plattform und kann dann mit angebundenen Diensten kommunizieren. Er muss sich nicht wieder individuell an verschiedene Anbieter andocken“, sagte Noll.

Die Technologie hinter teamplay digital health platform connect ist bereits intensiv erprobt: Sie kommt unter anderem im Rahmen der Elektronischen Gesundheitsakte (ELGA) in Österreich und beim Elektronischen Patientendossier (EPD) in der Schweiz zum Einsatz. „Neu ist, dass wir diese Plattform als eine Plattform-as-a-Service-Lösung anbieten. Damit kann der Anschluss einer medizinischen Einrichtung sehr schnell umgesetzt werden, mit einer Projektlaufzeit von ein bis zwei Wochen“, so Kaiser.

<p>Christian Noll</p>

Siemens Healthineers und IBM Deutschland nutzen beim Design der Plattform unter anderem die Expertise der Charité Berlin und des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein. UKSH-Vorstand Prof. Dr. Jens Scholl ist sehr angetan: „Der ‚Mehrfachstecker‘ ist eine ideale Lösung, damit wir in unseren Rechenzentren nicht lauter verschiedene Konnektoren benötigen. Ich hoffe sehr, dass das in den nächsten Jahren zur Digitalisierung beitragen kann.“ Auch Dr. Peter Gocke, Chief Digital Officer der Charité Berlin, ist überzeugt: „Die Plattformökonomie kommt endlich auch im Gesundheitswesen an. Wir leben immer noch in einer Welt von Silos. Die Medizin der Zukunft ist daten- und plattformgetrieben.“ Plattformen werden sich im Gesundheitswesen aber nur durchsetzen, wenn sie alle Anforderungen an Datenschutz und Datensicherheit erfüllen. „Datenschutz wird deswegen großgeschrieben“, betont Noll. So kann der Patient, wo erforderlich, über ein umfassendes Berechtigungsmanagement eingebunden werden, das bei Bedarf eine sehr granulare Zugriffssteuerung ermöglicht. Gleichzeitig können Patienten den Zugriff auf sie betreffende Daten über detaillierte Audit Trails jederzeit nachvollziehen, also ihr ‚Recht auf Auskunft‘ ausüben. Und sie können im Sinne eines ‚Rechts auf Vergessen’ ihre Einwilligung zum Datenaustausch jederzeit zurückziehen und alle Informationen im Kontext der Plattform löschen lassen. Architektonisch arbeitet teamplay digital health platform connect als dezentral angelegte Plattform ohne zentralen Datenserver und mit zwei verschiedenen Rechenzentren.
Das Patientenregister lagert in einem Rechenzentrum von Siemens Healthineers, der Dokumentenindex in einem IBM-Rechenzentrum. So wird sichergestellt, dass die Daten nicht von unberechtigten Personen zusammengeführt werden können und selbst bei einem eventuellen Hackerangriff auf ein Rechenzentrum nutzlos sind, weil sie nicht zuzuordnen sind.

Die Politik hat das deutsche Gesundheitswesen klar auf digitalen Modernisierungskurs gesetzt. Was bisher fehlte, war eine einfach handhabbare Plattform für eine Vernetzung der Leistungserbringer, die sowohl TI-relevante Dienste bedienen kann als auch weitere Mehrwertdienste ermöglicht, ohne dass für jeden Dienst ein komplexes IT-Projekt nötig wird. Mit teamplay digital health platform connect steht jetzt eine Plattform zur Verfügung, die diesen Anspruch hat. Sie nutzt internationale Standards wie HL7, IHE und FHIR und setzt die Anforderungen sowohl des deutschen als auch des europäischen Datenschutzrechts konsequent um.

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